Warum die Liebe zum Raren ausgerechnet in den Wolken wächst

Für Hans und Christa Muster ist ihr Zebhof in der Nähe von Leutschach der Himmel auf Erden. Das hat viele Gründe. Wir durften die beiden einen ganzen Tag lang begleiten und mit ihnen über das Leben, das Sterben und den Mut zu neuen Ideen reden. 

Keine Ahnung wie oft Manuel Liepert diesen Weg schon gefahren ist, aber immer wenn er die engen Kurven hinauf zum Zebuhof passiert, wächst die Vorfreude. Der Hof mit dem slowenischen Hofnamen "Oblak" liegt am höchsten Punkt der Hügelkette, mit Blick auf das Tal und die unendlich schöne Landschaft. Auf Deutsch bedeutet "Oblak" Wolke, weil die Wolken hier zum Greifen nah sind. Und tatsächlich gibt es wohl kaum einen passenderen Namen für einen Ort, an dem Hans und Christa nicht nur den Wolken, sondern auch den eigenen Träumen ganz nah gekommen sind. 

Seit 1868 steht das Haus Oblak schon an diesem Ort 

Seit 1868 steht das Haus Oblak schon an diesem Ort 

Begonnen hatte alles vor mehr als 20 Jahren, als man den eingespielten und fortschrittlichen Milchwirtschaftsbetrieb auf die Haltung von Zwergzebus umgestellt hat. Ein kühnes Vorhaben, denn schließlich hatten Hans und Christa Muster von Zwergzebus ebensoviel Ahnung, wie von Elchen oder Kakadus. Was die beiden allerdings ganz genau wussten, war die Tatsache, dass herkömmliche Milchkühe über die Jahre zu Hochleistungskühen geworden waren, und sich für die hügelige Landschaft südlich des 47. Breitengrades rein gar nicht eigneten. Die Tiere konnten ob ihrer Größe die steilen Hanglagen nicht mehr erklimmen und fanden deshalb immer weniger Futter. Eine kleinere, wendigere und vor allem kaum überzüchtete Rasse musste her. Man hörte sich um und hatte sich schon bald in das ebenso exotische, wie rare Zwergzebu verschaut. Die kleinen Rinder mit dem charakteristischen Buckel stammen ursprünglich aus Indien und erreichen ein Gewicht von durchschnittlich 300 kg. Das geringe Gewicht und ihre Trittsicherheit lassen sie mühelos die steilen Hänge an der slowenischen Grenze hinaufklettern. Das Fleisch erinnert ein wenig an Wild und gilt nicht nur bei Profis wie Manuel Liepert und Tom Riederer als Delikatesse. 

Auf den satten Wiesen der Steiermark 

Auf den satten Wiesen der Steiermark 

Mittlerweile schätzen auch viele private Kunden das Fleisch dieser ganz besonderen Tiere. Das war nicht immer so, und so haben Hans und Christa viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. "Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht", heißt es, und das gilt mancherorts wohl immer noch. Tiere die nicht dem klassischen Ideal entsprechen, lösen erst einmal Verwunderung aus. Zebus sind keine Hochleistungstiere, haben nach alle Richtungen geschwungene Hörner und tragen immer noch viel Wildes in sich. Das sieht man unter anderem daran, dass sie ihren Nachwuchs selbständig und ganz ohne das Zutun des Menschen auf die Welt bringen. So auch an diesem Tag, an dem uns Hans voller Stolz ein erst drei Stunden altes Kalb vor die Linse hält. Es hat im hohen Gras gelegen und seine Mutter weicht ihm nicht von der Seite. Es sind die ersten prägenden Stunden die für das kleine Kalb so wichtig sind. "Die Mutterkuh brüllt dem Kalb nach der Geburt richtiggehend ins Gesicht", erzählt uns Hans. Das hat einen Sinn, denn schließlich muss jedes Kalb seine Mutter am "Muuuuh" erkennen. Das ist bei der einen ein tiefes Grummeln und bei der anderen ein beinahe zärtliches Raunen. So hat jedes Tier seine Art die Dinge zu tun. Ganz so wie bei uns Menschen.

Das Leben in Händen

Das Leben in Händen

Aber nicht nur das Leben ist am Zebuhof ein Thema, sondern auch das Sterben. "Anfang und Ende gehören untrennbar zusammen", sagt Christa und erzählt uns von der Ruhe und Erfahrung der ehemaligen Leitkühe, die nun im Schutz der Herde ungestört alt werden dürfen. Immer wieder taucht das Wort "Würde" in unseren Köpfen auf, auch als wir den Raum betreten, wo das Leben ein stressfreies und möglichst schonendes Ende findet. Für Hans Muster ist das ein immer noch bewegender Moment, kennt er doch jedes seiner Tiere beim Namen. Und so bedankt er sich bei Betty, Choncita, Scharile und wie sie alle heißen, bevor er sie in aller Ruhe von der Weide führt. Ein Ritual das ihm hilft und das einmal mehr seinen Respekt gegenüber dem Tier ausdrückt. 

Das Schlachten selbst übernimmt der ortsansässige Fleischhauer. Er hat das bereits hunderte Male gemacht hat und deshalb nicht weniger Achtung vor diesem Leben. Klar, überlegt und sicher setzt er seine Handgriffe, während Hans Muster und Manuel Liepert darüber fachsimpeln welche Zubereitungsart sich für welches Stück Fleisch eignet. 

Das Fleisch aus dem die Träume sind

Das Fleisch aus dem die Träume sind

"Und was macht man eigentlich aus dem Zebu-Buckel", fragen wir? Manuels Augen beginnen zu leuchten. "Das ist das Beste, das Lieblingsstück aller Köche", ruft er begeistert. Marmoriert wie ein Stück Kobe und mit einem außergewöhnlich reinen Geschmack, eignet es sich besonders zum Schmoren im Ganzen, sagt er. Wir glauben es gern und bedanken uns demütig vor Tier und Mensch und verneigen uns vor dem Mut und der großen Leidenschaft, ohne die das alles hier gar nicht mögliche wäre. 

 

Text und Bild: Barbara Klein